Über Freiburg

Wie typisch ist Freiburg?

Freiburg in 900 Jahren – Wie typisch sind wir?

Freiburg hat eine sehr bewegte Geschichte, hat sich über die Jahrhunderte verändert und ist doch irgendwie schon immer die Stadt gewesen, die wir heute kennen. Was hat die Stadt geprägt und passt Freiburg zu seiner Zeit nach Europa, ist die Stadt denn typisch?

Freiburg wird gegründet im Jahr 1120 und liegt damit im mittel- und osteuropäischen Trend. Im Laufe des 13. Und 14. Jahrhunderts haben, wie in vielen anderen Städten auch, die Bürger zunehmend an Einfluss gewonnen. Die Stadt ist finanziell durchaus angewiesen auf seine Bürger, gerade das Freiburger Münster, das Wahrzeichen der Stadt, wird größtenteils von Bürgern und Zünften finanziert. Die Rechte der Bürger werden immer wichtiger und nach und nach lösen sie den Adel ab. Der Bau des Münsters prägt die Stadt in den nächsten Jahrhunderten und wird erst 1536 abgeschlossen. Freiburg hätte sich ohne das Münster sicher anders entwickelt und die Kathedrale ist durch und durch eine Besonderheit: im Unterschied zu anderen Kathedralen hat das Münster nie der Kirche gehört, sondern wurde von Bürgern finanziert, gebaut und gehört diesen auch. Und das merkt man: das Wahrzeichen der Stadt ist definitiv das Münster. Als solches steht es wie nichts anderes für Freiburg, ist „typisch“ für die Stadt.
 Die Universität wird 1457 gegründet und liegt damit mal wieder voll im europäischen Trend. Freiburg ist damit eine alte Universitätsstadt und das merkt man auch jetzt im Stadtgeschehen. Die Uni spielt bis heute eine große Rolle und die Stadt ist dadurch mit einer vergleichsweiße jungen Bevölkerung ein untypisches Beispiel in einer alternden Gesellschaft. 
 Weder Pest noch Hexenverfolgung machen Halt vor Freiburg – düstere Kapitel der Stadtgeschichte. Nach 37 Pestjahren ist die Einwohnerzahl stark dezimiert und das passiert in ganz Europa. Die Hexenverfolgung rollt im 16. und 17. Jahrhundert über Europa hinweg und Freiburg ist keine Ausnahme: in zwei Prozesswellen werden Frauen als Hexen verfolgt, gefoltert und ermordet.
 Politisch gesehen ist Freiburg als Grenzstadt begehrt und Mittelpunkt vieler Kriege. Die Bürger erleben unzählige Schlachten vor den Stadttoren, Belagerungen und Zerstörung. Und mit den Siegern wechseln auch ständig die Herrscher über das Städtchen: ob Zähringer, Österreicher, Franzosen oder die Großherzoge von Baden – Freiburg wird herumgereicht und passt sich immer wieder an neue Umstände an und verändert sich. Das wohl dramatischste Beispiel für eine drastische Veränderung im Stadtbild ist Freiburg als Festung Vaubans unter französischer Herrschaft. Die Stadt teilt das Schicksal vieler Grenzstädte und ist den Kriegen und Machtverschiebungen ausgesetzt. 
 Im 19. Jahrhundert verhält sich die Stadt vollkommen untypisch für die Zeit: die Industrialisierung schwappt wie eine Welle von den Nachbarländern ins deutsche Reich. Die Stadtverwaltung erkennt bald, dass eine konkurrenzfähige Industrie durch die Randlage im Reich und den Mangel an Rohstoffen hier nicht möglich ist und wagt einen radikalen Kurswechsel. Anstatt auf den Zug der Industrialisierung aufzuspringen, setzt Freiburg auf Tourismus und reiche Bürger. Das Konzept geht auf: Der Stadt gelingt es, wohlhabende Bürger anzuwerben. Anstatt großer Industrieflächen entstehen Villenviertel und das Stadtbild wird aufgehübscht: Das Martinstor beispielsweiße wird erhöht, der mittelalterliche Turm passt einfach nicht mehr in das Bild einer modernen Stadt. Auch viel der heutigen Infrastruktur ist in dieser Zeit entstanden und hat sich dann entwickelt. 
 Mit dem Nationalsozialismus beginnt ein Abschnitt der Stadtgeschichte, der geprägt ist von totaler Anpassung. Freiburg ist unter Hitler eine recht vorbildliche Stadt: er kommt persönlich zum Wahlkampf vorbei, die Nationalsozialisten sitzen sehr schnell im Stadtrat und verdrängen den Bürgermeister und sehr bald setzt sich eine nationalsozialistische und antisemitische Politik durch. Die Stadt ist ziemlich typisch für ihre Zeit, bemüht mit ihrer Haltung in das Reich zu passen. Und wenn auch 1933 die jüdischen Mitbürger fest in der Stadt verankert und integriert sind, so herrscht in Freiburg dennoch eine sehr antisemitische Haltung. Der erste Jude erhält erst 1862 das Freiburger Bürgerrecht und so fällt es den Nationalsozialisten nicht schwer, Akzeptanz für ihre Politik zu erhalten. Im Nationalsozialismus wird die jüdische Bevölkerung in Freiburg zum Teil stärker bzw. früher verfolgt als in anderen Teilen Deutschlands, doch obwohl die Bevölkerung sich nicht ernsthaft wehrt, bricht in Freiburg auch nicht die Begeisterung aus, die in anderen Städten entsteht. Wie in früheren Kriegen schon spielt die Stadt als Grenzstadt auch im zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle, schicksalshaft ist die Nacht des 27. November 1944, als Freiburg bombardiert und fast die gesamte Altstadt zerstört wird.  Viele deutsche Städte werden zerstört, doch Freiburg baut die Altstadt so gut wie möglich wieder auf, so wie sie vor dem Krieg war. 
 Das Image der Stadt wird in den Jahren nach dem Krieg aufgebessert. Keine nationalsozialistische, sondern zunehmend liberale, ökologische Politik etabliert sich in Freiburg. Und wenn wir heute an die Stadt denken, denken wir an Weltoffenheit, es gibt immerhin 12 Partnerstädte, und grüne Politik. Freiburg gilt nicht umsonst als Geburtsort der Ökologiebewegung: mit dem Vauban als grüner Stadtteil und dem ersten grünen Oberbürgermeister in Deutschland ist Freiburg Vorreiter einer Bewegung und bestimmt nicht typisch.

Freiburgs Geschichte ist wechselhaft und politisch oft voll unerwarteter und gewagter Wendungen, die Freiburg heute zu dem machen, was es ist. Dadurch ist die Stadt häufig untypisch im Vergleich mit anderen europäischen Städten. Die Herrscher wechselten oft, was bleibt sind die Bürger. Freiburg ist eine bürgerliche und durch die Bürger geprägte Stadt und wenn sie in mancher Hinsicht untypisch ist, so passt sie doch immer gut zum Zeitgeist.